Mein Name ist Kateryna, ich bin mittlerweile 70 Jahre alt, und ich muss ehrlich gestehen: Ich habe dieses Gefühl nie in seiner vollen Tiefe begriffen, bis es mich selbst überrollte. Die Leute pflegten oft zu mir zu sagen: „Eine Großmutter zu sein, das ist ein völlig anderes Universum.“ Aber in meinen Gedanken fragte ich mich immer nur: Kann sich das wirklich so sehr vom eigenen Muttersein unterscheiden?
Und dann kam der Tag, an dem ich die kleine Solomija zum ersten Mal in meine Arme schloss. Die Tochter meines Sohnes Maksym.
In diesem einzigen, flüchtigen und doch ewigen Moment dehnte sich die Liebe in meiner Brust auf eine Art und Weise aus, die all meine kühnsten Vorstellungen übertraf. Diese Liebe war plötzlich ganz anders: Sie war ruhiger, weicher und unendlich viel tiefer. Es fühlte sich an, als hätte mein Herz, das jahrzehntelang im Rhythmus ständiger Sorge und Anspannung geschlagen hatte, endlich wieder gelernt, frei zu atmen.
Als ich diese winzigen, zarten Finger von Solomija hielt, wurde ich augenblicklich in die Vergangenheit zurückgeworfen. Ich erinnerte mich an all die dunklen Nächte vor über dreißig Jahren, in denen ich die kleine Hand von Maksym genauso fest umklammert hielt. Ich dachte an jene Momente, in denen ich um zwei Uhr morgens leise Gebete in die Dunkelheit flüsterte und Gott anflehte, sein hohes Fieber zu senken und uns sicher durch diese unendliche Nacht zu bringen.
Und heute sitze ich hier und flüstere wieder Gebete in die Stille – aber dieses Mal für ihn, meinen erwachsenen Sohn Maksym, der gerade jeden Tag aufs Neue, Schritt für Schritt, lernt, was es bedeutet, ein guter Vater zu sein.
Ich habe sehr schnell eine wichtige Lektion gelernt: Großmutter zu sein, ist, als bekäme man vom Leben einen wundervollen zweiten Versuch geschenkt. Es ist eine zweite Chance, das helle Kinderlachen zu hören, ohne ständig unter Zeitdruck und beruflichen Verpflichtungen zu stehen. Es bedeutet, mit einem Lächeln zu sagen: „Na gut, lass uns noch ein bisschen spielen“, ohne dabei panische Blicke auf die Uhr zu werfen. Es heißt, extra früh zu den Kinderfesten zu kommen, sich stolz in die allererste Reihe zu setzen und so laut in die Hände zu klatschen, als hätte man sein ganzes Leben nur auf diesen einen Moment gewartet – denn, um ehrlich zu sein, in gewisser Weise stimmt das sogar.
Es bedeutet, „nur für den Fall“ immer ein paar Apfelschnitze, die Lieblingskekse oder einen Lutscher in der Handtasche versteckt zu haben. Es heißt, genau dieselbe Gute-Nacht-Geschichte zum hundertsten Mal mit derselben echten Freude und Begeisterung zu erzählen und dabei zuzusehen, wie sich das Lachen des Kindes wie ein warmes, weiches Licht im ganzen Raum ausbreitet. Man hält buchstäblich die Vergangenheit in den Händen und pflanzt gleichzeitig die Samen für den morgigen Tag in ihre kleinen Handflächen.
Doch die tiefste Erkenntnis von allen war diese: Ganz gleich, wie unermesslich sehr ich Solomija und Maksym liebe, ganz gleich, wie viele Berge ich für sie versetzen möchte – es gibt Jemanden, dessen Liebe zu ihnen noch viel größer und stärker ist als meine.
Er hat mich sicher durch alle Stürme und Unwetter meiner Mutterschaft getragen, und Er wird auch sie genauso sicher durch die Gezeiten ihres Lebens führen.
Ich darf meine Enkelin verwöhnen, ich darf eine unerschütterliche Stütze für sie beide sein, ich darf Tag und Nacht für sie beten – aber nur der Herr führt und beschützt sie auf eine vollkommene Weise. Nur Er allein schreibt das weiseste Drehbuch ihrer Geschichte.
Also drücke ich die kleine Solomija fest an meine Brust, singe ihr leise Schlaflieder vor, lache so aufrichtig, bis mir die Tränen kommen, und nehme jede neue Falte in meinem Gesicht voller Dankbarkeit an. Denn diese Falten sind mein persönlicher Beweis dafür, dass ich lange genug leben durfte, um Zeugin dieses unglaublichen Wunders zu werden.
Und jeden neuen Morgen vertraue ich sie aufs Neue Gott an. Denn Großmutter zu sein, handelt nicht nur von grenzenloser Liebe. Es geht um ein Vermächtnis. Es geht um den tiefen Glauben, dessen Licht man behutsam an die nächste Generation weitergibt. Und genau das, so habe ich nun verstanden, ist die allergrößte Ehre, die einem dieses Leben schenken kann.
